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Honduras: ein unterschätztes Urlaubsziel

- Sanfter Tourismus im Taucherparadies -von Troebst

Die Dame aus Frankfurt/Oder kann sich überhaupt nicht beruhigen. "Nein, wie allerliebst! Ich werde NIE wieder Fisch essen!" schwört sie, während Samantha ihr Küsschen gibt und sie aus treuen Augen anblickt. Samanta ist ein achtjähriges Delphinweibchen.

Zusammen mit einem Dutzend ihrer Artgenossen lebt sie in der Laguna Anthony`s Key auf der zu Honduras gehörenden Insel Roatan. Die Touristen, die sie besuchen, stehen bis zum Bauch im glasklaren, warmen Wasser der Karibik, und je vier dürfen unter Leitung eines erfahrenen Trainers eins der handzahmen Tiere "knuddeln und streicheln". Nachdem wir die Dame aus Frankfurt aufgeklärt haben, dass Delphine zu den Säugetieren gehören, lässt sie sich abends am Hotelbüffet das Stück vom frischgefangenen Blauen Marlin besonders schmecken.

Samantha und ihre zahmen Freunde kommen angeblich täglich freiwillig aus dem offenen Meer in die Lagune geschwommen. Egal, ob das nun stimmt oder nicht: eine Begegnung mit Delphinen Haut-an-Haut ist nur eines der zahllosen Naturerlebnisse, die Honduras seinen Gästen zu bieten hat. Das kleine Land, dreimal so groß wie die Schweiz, aber mit nur etwas mehr als sechs Millionen Einwohnern, hat:

mehr zugängliche und auch schönere Riffs als die Küsten seiner mittelamerikanischen Nachbarn;verfügt über die größte, unangetastete Wildnis in ganz Zentralamerika;bietet mit seinen Regen- und Nebelwäldern manchem Besucher einen kleinen Vorgeschmack auf die Dschungel Südamerikas;und seine Maya-Stätten - allen voran die Ruinen von Copán - sind mit denen Guatemalas vergleichbar.

Kenner meinen deswegen, Honduras ist das am meisten unterschätzte Reiseziel Zentralamerikas. Zum Glück - so möchte man fast sagen. Tatsächlich führen bisher erst wenige große Veranstalter das Land im Programm. Kleinere haben sich auf die Organisation von Individualreisen sowie Reisen für Minigruppen spezialisiert. Das gibt Honduras Zeit, die Fehler anderer Länder zu vermeiden. Bisher wurden vom Kongress 107 Schutzgebiete ausgewiesen. Das Rio Plantano Biosphärenreservat an der Mosquito Coast wurde sogar durch die Vereinten Nationen zum Welterbe der Menschheit erklärt.

Zwar existieren im Umfeld der Hauptreiseziele Roatan, La Ceiba und Copán schon die ersten Luxushotels, Ferienclubs und Feriensiedlungen. Doch ganz bewusst wird in einen "sanften Tourismus" investiert. Die Natur soll in dem wirtschaftlich schwach ausgebildeten Land "nicht ausgebeutet, sondern ausgebaut" werden. Das fängt bereits an der 600 Kilometer langen Karibikküste des Landes mit ihren 63 Inseln und ihren Riffs an. Sie sind Teil des nach dem australischen Barrier Reef zweitgrößten Riffs der Welt. Um sie zu schützen, wurde das gesamte Gebiet um das schmale, 60 Kilometer lange Roatan sowie die kleinen Cayos Cochinos (die "Schweininseln") zu einem Biologischen Reservat erklärt. Das Management übertrug die Regierung für 100 Jahre der renommierten amerikanischen Smithsonian Institution.

Wildes Ankern, besonders von Kreuzfahrtschiffen, ist verboten, ebenso der kommerzielle Fischfang. Seitdem haben sich die Korallenbänke zusehends erholt. Von den teilweise schneeweißen Stränden aus entdeckten wir eine Traumwelt für Taucher und Schnorchler. Und nirgendwo kann man seinen Tauchschein preiswerter erwerben als hier. Alle Arten von "sanften" Wassersportaktivitäten bis zum Sportangeln werden angeboten. Unsere kleine Gruppe war sich schnell einig: hier fühlt man sich fast wie Robinson - nur nicht so verloren.

Auch auf dem bewaldeten Bergrücken von Roatan, den die Einheimischen stolz "Gebirge" nennen, wähnt man sich allein auf weiter Flur. Andere Attraktion sind - neben der Delphinlagune - ein Vogelpark mit Mittel- und südamerikanischen Vogelarten, und ein Leguan-Reservat. Es liegt etwas außerhalb von French Harbour, dem Standort der größten Fischerflotte der Westkaribik. Träge hocken die Riesenechsen auf den Bäumen und dösen in der Sonne, während die Touristen verzweifelt an ihren Teleobjektiven herumdrehen. Anch, ein Insulaner, hat auf seinem Gelände angeblich 2800 Leguane verschiedener Spezies, die man für einen geringen Eintritt bewundern kann.

Während Honduras zur Kolonialzeit von Spanien kontrolliert wurde, waren die meisten Inseln vor der Küste britisches Einflussgebiet. Das prägte ihren Charakter: In Coxen Hole, einst ein Piratennest , finden sich einige Häuser im viktorianischen Stil, englische Ladenschilder, und die typischen Wellblechdächer der Karibikhäuser. Immer wieder stößt man auf die Bezeichnung "Garifuna". Pablo, unser Reisebegleiter: "Garifunas heißen die Nachkommen afrikanischer Sklaven. Sie wurden 1796 von den Engländern hier ausgesetzt. Deshalb trifft man auf Roatan Einheimische, die nur Englisch und kein Spanisch verstehen!" Vielleicht deswegen gehören Roatan und seine beiden kleinen Nachbarinseln Guanaja und Utila zu den beliebtesten Zielen der - meist amerikanischen - Touristen. Von Miami aus wird die Insel angeflogen, und die ersten Parzellen für Ferienvillen werden schon verkauft. Ein Grund mehr für einen Besuch, um noch "die gute alte Zeit" erleben.

Wer nicht auf dem Luftwege kommt, hat den üblichen Zugang zu den Inseln von der Seeseite oder vom 18 Km weiter westlich liegenden Festland mit der Fähre. Sie ist klimatisiert und verkehrt zwischen Coxen Hole und der Hafenstadt La Ceiba auf dem Festland. Zwei Stunden etwa dauert die Fahrt.

Von La Ceiba aus kann man als Kleinstgruppe mit einem Tour-Operator per Bus - aber auch als Individualreisender mit dem Leihwagen - das Land erkunden: z. B. die Küstenstreifen an der Karibik mit tropischen Regenwäldern an sanften Hügeln. Hier wachsen rund 700 verschiedene Orchideenarten, und Ornithologen sprechen von ebenso vielen Vogelarten. Viele davon kann man auch in den entsprechenden Nationalparks bewundern. Auffällig: Ausgedehnte Plantagen mit Bananen, Ananas und Ölpalmen - und die mit israelischer Beratung erfolgende Aufforstung der einst gnadenlos abgeholzten Wälder. Doch mit 40 Prozent bewaldetem Gebiet ist das immer noch die höchste Rate in Zentralamerika. Mutige wagen sich auch in den heißen und trockenen Süden an die Pazifikküste, wo neuerdings viele Shrimpfarmen entstehen.

Für Selbstfahrer: Zwei Drittel von Honduras sind gebirgig, und die Unzugänglichkeit einiger Gebiete war und ist ein guter Schutz für die Tier und Pflanzenwelt. Die Hauptstrassen jedoch sind in relativ gutem Zustand, die Nebenstraßen freilich nicht frei von Schlaglöchern, deren Tiefe sich nach starken Regenfällen nicht abschätzen läßt. Probleme hatten wir jedenfalls nicht, auch nicht mit der Sicherheit. Zudem hatte Pablo uns aufgeklärt: "Wenn es abends oder auch nachts mal knallt, so ist das keine Revolution. Wir Honduraner feiern gerne jedes Ereignis und jeden Feiertag mit Böllerschüssen und Feuerwerk."

Vom langsam zunehmenden Tourismus hat auch die einst verschlafene Küstenstadt Tela profitiert. Sie liegt an einer Bucht mit wunderschönen Stränden zwischen La Ceiba und San Pedro Sula (mit dem internationalen Flughafen). Hier wohnt man strategisch günstig zu drei Nationalparks, und nur vierzig Autominuten von den Karibikstränden entfernt. Nach Copán sind es mit dem Express-Bus etwa zweieinhalb Stunden, mit dem eigenen Wagen weniger. Die "verlorenen Stadt der Maya" wird Copán auch genannt: Pyramiden-Tempel, Altäre, Stelen und deren in Stein gehauene Geschichte der einstigen Herrscher machen die Stätte zu etwas Einmaligem unter den Mayaruinen, auch wenn man Tulum oder Chitchen Itza in Mexiko schon kennt.

Als wir am Abschluss der zwei Wochen noch eine Fahrt mit einem Glasbodenboot über ein Riff machen, tauchen vor uns einige Delphine auf. Einer davon, so meine ich, hat uns zugelächelt. War es Samantha?

 
 
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