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Der Ruf des Motmot

- Zwei Wochen durch Honduras, Mittelamerikas unbekannteste Schönheit -
von Franz Lerchenmüller, publiziert im Juli 2000 in der Frankfurter Rundschau, im Tagesspiegel, in der Saarbrücker Zeitung, in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung und im Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt

Sechs Menschen machen sich ein Bild. Zeigen wird es am Ende die Mauern alter Maya-Tempel, Korallen vom zweitgrößten Riff der Welt und dichten tropischen Dschungel - die wichtigsten Attraktionen Mittelamerikas, versammelt an einem einzigen Platz.

Als Ort dafür haben sie ein karges, teils mit Nadel- und Nebelwäldern bedecktes Hochland gewählt, das nach Norden in Tälern mit dichtem Regenwald ausläuft, vor denen sich die weißen Sandstrände der Karibik entlangziehen. Im Osten erstreckt sich feuchte Savanne, an der schmalen Südküste verfängt sich der Pazifik in Mangrovensümpfen: Honduras.

Zwei Wochen lang werden sie dort unterwegs sein, sechs einander und dem Land Fremde aus Deutschland, zwischen 25 und 63 Jahren, auf der Suche nach Teilstücken, die am Ende ein Ganzes ergeben: Ein Mosaik - ihre Ansicht des Landes.

In den Mittelpunkt rücken sie die pittoresken Ruinen der Maya-Stadt Copán: Ein Ensemble aus Tempeln, Altären, Pyramiden und über 100 Stelen, in die die Herrscher ihre Großtaten eingravieren ließen, eine Ansammlung aufeinandergetürmter Steinquader, manchmal zusammengeklammert von den riesigen Brettwurzeln ehrwürdiger Ceibabäume. Ein Jahrtausend lang hatte der weitläufige Steinhaufen verborgen und vergessen im Dschungel vor sich hingedämmert, ehe der amerikanische Forscher John Lloyd Stephens 1839 darauf stieß.

Zwischen dem 4. und dem 9. Jahrhundert hatten die "Griechen Mittelamerikas" an ihrer Prachtstadt gebaut - und seit immerhin schon 115 Jahren graben die Archäologen dort und finden und finden kein Ende mehr. "Mindestens drei Schichten Stadt liegen unter der jetzt freiliegenden," sagt der zurückhaltende Modesto, der sich vom Hilfsgräber zum kundigen Fremdenführer hochgearbeitet hat. Denn wenn es ihnen an der Zeit schien, "begruben" die Mayas manche ihrer Bauten und setzten neue darüber. Der Tempel "Rosalila" etwa liegt vollkommen unter der Erde, ein Tunnel führt darum herum. Eine verwitterte Fassade, an der sich Hasenköpfe oder Schlangenkiefer nur mit geschultem Auge oder viel Phantasie ausmachen lassen - das ist Rosalila heute. "Rosalila damals" wurde im Museum Litico in Originalgröße nachgebaut: Ein Quader, der in sattem Rot, Grün, Gelb und Weiß erstrahlt, über und über bedeckt mit Fresken von Fabelwesen und zähnefletschenden Gesichtern. Mag wohl sein, dass die Maya manche ihrer bizarren Götterbilder unter Drogeneinfluss schufen.

Wie es zuging in dieser bunten Metropole, davon erzählen Ausstellungsstücke im Museum des Dorfes. Markierungszeichen des Ballpielplatzes finden sich da, die Hufeisen aus Stein, die die Spieler um den Leib trugen, und auch die Obsidianaxt, mit der den Verlierern - oder den Siegern - anschließend die Köpfe abgeschlagen wurden. Es gibt Ritualkalender, Steinreliefs der langnasigen Herrscher und 15 Skelette ungewöhnlich kleiner Jaguare: Mit ihrem exzessiven Opferwahn wäre es den Maya fast gelungen, die Raubkatzen auszurotten.

Der gewöhnliche Alltag dagegen wird in Las Sepulturas lebendig. Hier lebten in palmstrohgedeckten Höfen die niedrigen Adligen und die Handwerker, kochten, schliefen und begruben ihre Toten unter dem Fußboden oder rund ums Haus. Reiseführer Flabio scharrt mit dem Fuß in einem Geröllhaufen und bringt einen fünf Zentimeter langen Steinsplitter zum Vorschein, der schimmert wie schwarzes Glas: Bruchstück einer Obsidianklinge. Und plötzlich schlendern sechs Fremde mit konzentriert gesenkten Köpfen zwischen den Steinen umher, und tatsächlich: Jeder findet einen scharfen Scherben. In der Hand ein Stück Werkzeug, mit dem ein Maya vielleicht einst eine Papaya aufschnitt - es schafft ein eigenartiges Gefühl der Verbundenheit über Jahrhunderte hinweg.

Von Copán, dem Zentrum des Bildes, führen Straßen über grüne oder blau verschattete pelzige Hügel, durch Dörfer mit winzigen Läden, neuen weißen Kirchen, schwerbewachten Banken. Und hoch am Himmel kreisen stets die Geier.

Mal im Linienbus, mal im Kleinbus überholen die Fremden japanische Pick-ups, ausrangierte gelbe Schulbusse aus den USA und Lastwagen, von deren Ladeflächen lachende Arbeiter winken. Sie überqueren Flüsse, deren Bett Hurrikan Mitch mit einem Strom aus totem Vieh und entwurzelten Bäumen zu einem wüsten Tal ausgehobelt hat, und treffen auf eine Einheit der US-Army, die Imagepflege betreibt, indem sie Kindern die Zähne richtet. Auf dem Markt in Esperanza verkaufen Frauen vom Volk der Lenca in tieftürkis, blutrot und flammendgelb leuchtenden Kleidern unbekannte Früchte: Braune Tamarindenschoten, rötliche Zapotes, die nach Marzipan schmecken und die Lippen verkleben, Vapinoles, deren mehliges Fleisch den Mund austrocknet wie gebackener Staub.

Schließlich gelangen sie in die Wälder, den geheimnisvollen Hintergrund für ihr Bild. Morgens um sieben brechen sie im Nationalpark Azul Meamber zur Wanderung in den Bergnebelwald auf. Bikinir Agastone, der Chef des Besuchercamps, ein Mann von freundlicher Würde, mit scharfer Machete immer vorneweg - es gibt zahlreiche Giftschlangen in Honduras.

Auf dem raschelnden Blätterteppich fällt lautloses Schleichen schwer. Doch einige Vögel ignorieren großherzig den Lärm und zeigen sich von ihrer besten Seite. Auf einem nahen Ast lässt sich ein grün schimmernder Motmot nieder. Wie ein Pendel tickt der lange Schwanz mit den beiden Puscheln hin und her. Von fern lockt oder warnt ein Artgenosse dumpf: "Motmot". Gelbschwänzige Oropendolas balgen sich um ein paar Früchte und schnalzen und glucksen selbstvergessen vor sich hin. Ein Regenbogentukan thront hoch oben im Geäst, Waldhühner picken geschäftig auf dem Pfad, und die blaue Feder im Gebüsch gehörte einem Azulejo, einem Verwandten des legendären Quetzal, des heiligen Vogels der Maya.

Ansonsten aber ist auch ein tropischer Wald kein Zoo mit Tierkontaktgarantie. Jaguare etwa beanspruchen ein Revier von 70 bis 150 qkm. Sie haben wenig Grund, ausgerechnet am Rande eines menschlichen Pfades aufzukreuzen - und tun es folgerichtig auch nicht. Nasenbären, Pumas, Agutis und Gürteltiere halten es - zumindest an diesem Tag - genauso.

Bleiben die Pflanzen. Und dank Forstwirt Flabios reichhaltigem Wissen schälen sich aus dem grünen Gewirr immer mehr Individuen mit Namen und Bedeutung heraus. Baumfarne mit struppigem Fell ragen zehn Meter hoch, Rasiermesserbambus wartet auf leichtsinnige Hände, Lianen ziehen sich kreuz und quer durchs Gestrüpp, einige verzopft zu dicken Tauen, andere zickzackförmig gefaltet - "Affentreppen" heißen sie ganz passend.

Der Dschungel ist überaus freigebig: Da gibt es Stengel, die Wasser für verdurstende Wanderer bereithalten, Früchte, die zum Wäschewaschen oder Fischebetäuben taugen, Blätter, mit denen sich Pfeile vergiften lassen. Und kein menschliches Wehwehchen, gegen das nicht ein Kraut gewachsen wäre. "Wir verbieten unseren Gästen, Medikamente in den Dschungeldörfern zurückzulassen", sagt Flabio. "Das Wissen um die Heilkraft der Pflanzen darf nicht verloren gehen."

Ganz oben treffen sie auf die Riesen. Zottig, graugrün, wie die verwitterten Pfeiler einer zerfallenen Kathedrale ragen sie hoch, über und über besiedelt mit Bromelien, Tillandsien und Orchideen. Philodendren schlingen sich an ihnen hoch, Flechten hängen wie Lametta, jeder Baum ist sein eigenes verästeltes Universum. Eine verwunschene Welt - als der Nebel einfällt, marschieren die Erlkönige auf.

Azul Meamber ist eines von 104 geschützten Gebieten in Honduras. Ein Viertel des 112 000 qkm großen Landes wurde inzwischen als Nationalpark, Biosphären-, Bio - oder Wildreservat ausgewiesen. Organisationen aus vielen Ländern zahlen für den Schutz. "Das sind keine Almosen", stellt der Reiseführer klar. "Wir produzieren Sauerstoff für die Welt."

Sieben Ranger sollen verhindern, dass im Park gejagt, Holz geschlagen oder gerodet wird. Alles andere als eine leichte Aufgabe: Schräg gegenüber am Hang erstreckt sich mitten im Dschungel eine große Lichtung: eine ehemalige Kaffeeplantage - angelegt vom obersten Richter des Landes. Als der Naturparkverwalter ihn anzeigte, überzog er ihn mit einer Gegenklage. Das Ergebnis steht noch aus.

Auch die 2700 Waldbrände im letzten Jahr waren nicht allein der Hitze geschuldet. Brandrodung ist immer noch der schnellste Weg für mittellose Bauern, zu einem Stück Land zu kommen. Wer eine siebenköpfige Familie mit umgerechnet drei, vier Mark am Tag durchbringen muss, dessen Verständnis für Naturschutz hält sich in Grenzen.

Auch andere Wälder lernen sie kennen. Hinter La Ceiba fährt eine alte Bananenbahn an die Küste, direkt ins Naturschutzgebiet Cuero y Salado. Die Sonne hat den Gleisen zugesetzt: als hätte ein Alkoholiker versucht, zwei Linien zu ziehen. An der Endstation warnt das Denkmal einer kaputtgehauenen Kettensäge unerwünschte Besucher: Sehr Euch vor, Holzfäller aller Länder...!

Auf einem flachen Boot gleiten sie in die Kanäle des dichten Mangrovenwalds. Brüllaffen liefern sich lautstarke Gefechte mit dem Führer, ein Alligator sonnt sich am Ufer, ein Fischadler stürzt klatschend ins Wasser. "Andere Tiere, andere Sorgen", lacht Nari Orlando, der junge, energische Verwalter. Der US-Konzern United Fruits betreibt in der Region große Palmenplantagen und Ölmühlen. Lange flossen Pestizide und Rückstände ungeklärt in die Mangroven. Den fälligen Prozess gewannen die Naturschützer. Das Geld dazu kam aus den USA.

Immer wieder, immer öfter schiebt sich nun der Alltag der Menschen in das Bild des Landes, das in den Köpfen langsam Gestalt annimmt.

800 Frauen und Männer arbeiten in der Tabakfabrik von Santa Rosa de Copán. In großen Hallen sortieren, stapeln, rollen und pressen sie die seidigen, braunen Blätter zu teuren Davidoffs. Es riecht säuerlich, dumpf, stechend, würzig, ganz unterschiedlich von Raum zu Raum. Geschuftet wird im Akkord, bezahlt auch. Wer einmal in einer Abteilung eingearbeitet wurde, bleibt ein Leben lang dabei.

Die Besucher lernen achtjährige Schuhputzer kennen, sehen Kinder, die Mulis treiben und Zeitungen verkaufen und lernen von den Lehrern im Lencadorf La Campa: Lesen und Schreiben sollen die Kinder lernen, dann nehmen viele Familien sie aus der Schule. Für drei Viertel der fünfeinhalb Millionen Einwohner ist das schöne Honduras ein Armenhaus.

Noch ist Platz auf dem Bild der Fremden. Er reicht gerade für Utila, die kleinste der drei Islas de Bahia. Ein 20-sitziges Flugzeug bringt sie in fünfzehn Minuten hinüber. Gleich hinter der kiesigen Landepiste schwimmen sie am nächsten Morgen hinaus ans Riff, Teil des Continental Shelf. Auch am Riff hat Mitch gewütet und viele Korallenruinen hinterlassen. Die es überstanden, wurden freilich gründlich gereinigt. Leise wiegen sich violette Fächer am Grund, Schwärme neonblauer und dottergelber Fische schweben und zucken im Gleichtakt, ein silberner Barrakuda inspiziert gelassen sein Jagdrevier.

Noch ist Utila ein hauptsächlich von Mangroven bewachsenes Eiland mit einem gemütlichen Städtchen, zehn Tauchschulen und 3000 Einwohnern, die überwiegend von Rucksacktouristen leben. "Außerdem die Heimat von Robinson", behauptet Shelly McNab, der eine Rundtour auf den Spuren des seiner Meinung nach hier Gestrandeten anbietet. Noch bietet Utila viel Platz für Originale wie ihn.

Doch schon entstehen unter Palmen exklusive Enklaven für Betuchte. Der Makler jubelt über die blendenden Geschäfte des letzten Jahres. Und mitten in den Dschungel hat die honduranische Regierung eine 150 Meter breite Schneise für einen neuen Flughafen schlagen lassen. Die Tage der Beschaulichkeit auf der liebenswerten Insel scheinen gezählt.

Das Bild der Fremden ist nun fast komplett. Der eine fügt hier noch ein Steinchen mit dem Porträt der Töpferin von La Campa ein, dem andern fehlen die heißen Quellen von Gracias oder der glitschige Weg hinter den Wasserfall von Pulhapanzak, die dritte vermisst den leichtfüßigen Punta-Tanz der schweren Garifuna-Frauen in der Diskothek in La Ceiba.

Alle aber füllen sie die noch offenen Flecken mit den vielen lachenden, nachdenklichen, strahlenden und stolzen Gesichtern der für sie namenlos gebliebenen Menschen, denen sie begegnet sind. So viele Menschen von so großer Herzlichkeit.

Am Ende haben sie nur einen kleinen Teil des Landes erkundet. Und doch bringt jeder ein neues Stück Welt-Anschauung nachhause. Eine Ansicht in Ausschnitten, ein eigenes Bild von Honduras.

Die Insel hat viele Völker kommen und gehen sehen: Indianische Ureinwohner, spanische Konquistadoren, holländische Piraten. Schwarze Sklaven, die Garifunas, flüchteten sich im 18. Jahrhundert hierher, im 19. landete ein Schwung britischer Siedler von den Cayman-Inseln.

Es sind aufgeschlossene Zeitgenossen, kein Problem, jemanden für ein kleines Schwätzchen zu finden. Schon schwieriger ist es, das kehlige Englisch zu verstehen, das an einen afrikanischen Dialekt erinnert. An Themen dagegen herrscht kein Mangel. Denn im karibischen Paradies herrscht dicke Luft.

Zum einen sind da neben den willkommenen die ungeliebten Gäste: "Mainlanders", Leute vom Festland. Je mehr Touristen die Inseln besuchten, desto phantastischere Berichte über sagenhafte Verdienstmöglichkeiten kreisten im armen Honduras. Viele kamen, um ihr Glück zu machen, Hunderte sind geblieben. Sie leben abseits der touristischen Meile in zwei Slums, "Sumpfdorf" heißt eines nicht ganz unzutreffend.

Arbeit gibt es nur wenig. Und also kamen mit ihnen Probleme, die Utila bis dahin nicht gekannt hatte: Diebstähle, Raub, sogar Mord. Das bringt die Inselbewohner auf die Palme: 1861 waren die Bahia-Inseln von den Briten an Honduras übergeben worden - fast scheint es in manchen Gesprächen, als brächen sich jetzt uralte Vorurteile gegen die fremden Landsleute wieder Bahn.

Noch ganz andere, unerwartete Schwierigkeiten tun sich auf. Shelby McNab ist zugleich Vorsitzender der Bay Islands Conservation Association (BICA). Neben dem Erhalt der Riffe kümmert sich die Naturschutzorganisation vor allem um den Schutz des Schwarzleguans und arbeitet dazu mit einem Projekt der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt zusammen, in dem Jungtiere aufgezogen und ausgesetzt werden. "Wir hatten unsere eigenen Leute schon so weit, dass sie nur noch die nicht gefährdeten grünen Leguane jagten", sagt McNab. "Und immer nur den einen, den sie für eine Mahlzeit brauchten. Die Mainlander dagegen jagen alles, Leguane wie Schildkröten, und so viele davon, wie sie kriegen können."

Was tun? "Erziehung", meint McNab. "Integration. In diesem Jahr kriegen wir erstmals 98 % der Mainlander-Kinder in die Schule". Er selbst veranstaltet Fußballturniere mit Jugendlichen, auch denen aus den Slums. Der Bürgermeister erlässt scharfe Gesetze zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung.

Weit mehr als die Ausrottung der Leguane befürchten die Inselbewohner jedoch, dass ihre ungeliebten Mitbewohner die Touristen vergraulen könnten - und zwar die von morgen.

Denn mit dem finanziellen Erfolg sind ihre Bedürfnisse gewachsen. Noch gibt es kein Abwassersystem auf der Insel. Der Müll wird offen verbrannt. Strom erzeugt ein Generator - von fünf Uhr morgens bis Mitternacht. Fortschritt aber kostet Geld, mehr Geld als die 25-Dollar-am-Tag-Touristen bringen. Die 200-Dollar-Leute sollen jetzt kommen, Kreuzfahrer in Massen, die einmal über die Insel bummeln und die Souvenirläden leerkaufen. Noch lieber aber wären ihnen die vielumworbenen 500-Dollar-Leute: die sagenumwobenen Bewohner der Luxushotels. "Unsere jungen Leute brauchen Karrieremöglichkeiten", sagt der geschmeidige junge Angestellte im Maklerbüro. "Kellner oder Verkäufer im Tauchshop zu werden, ist schließlich keine Perspektive." Und fährt fort, von den neuerdings so glänzenden Geschäften der Firma zu schwärmen.

In der Tat: Vom Boot aus betrachtet, ist nicht zu übersehen, dass der Ausverkauf der Insel schon begonnen hat. An abgelegenen Strandstücken mit weißem Sand entstehen unter Palmen feine Ressorts aus rotem Holz und viel Glas, Luxusenklaven für Betuchte, mit eigenem Bootssteg und dem Riff vor der Haustür.

Und dann ist da noch der neue Flughafen: Wer auf den holprigen Pfaden ins Innere der Insel wandert, stößt plötzlich auf eine etwa 200 Meter breite, vielleicht 1500 Meter lange kahle Schneise - ganz so, als hätte jemand mal schnell einen riesigen Rasenmäher ausprobiert. Als nach "Mitch" die internationale Hilfe für Honduras anlief, gab auch Schweden Geld, angeblich für den Ausbau des Flugverkehrs auf Utila. Und also begann im Januar dieses Jahres ein Trupp Bulldozer, per Schiff vom Festland herübergebracht, mit den Rodungsarbeiten - gegen den erklärten Willen mehrerer Landbesitzer. Inwieweit der Bürgermeister in die Affäre verwickelt ist, bleibt offen. Ebenso, wer denn nun - ganz oben in der honduranischen Regierung - den goldenen Schnitt gemacht hat. Zusätzlich wurde eine Trasse zur Stadt gelegt, die eine vierspurige Straße aufnehmen kann - sicher nicht für die wenigen Pick-Ups der Inselbewohner. Mit einem Wort: Die stille Enteignung der Leute von Utila hat begonnen.

Eine Hoffnung bleibt ihnen freilich: Es könnten, wie schon so oft, am Ende doch die Mittel fehlen, das Werk der Gigantomanie zu vollenden.

Bradford Duncan, eine der schillerndsten Gestalten Utilas, steht als leuchtendes Beispiel dafür. Anfang der 90er Jahre ernannte er sich, nur halb im Spaß, zum Gouverneur, und begann, mit sieben Millionen eigenen und geliehenen Dollar, einen standesgemäßen Palast zu bauen: ein Luxushotel vom Feinsten. Er ging bankrott. "Duncans Folly", ein eleganter Turm aus Teak aber thront noch immer zugenagelt auf seinem Hügel über Sandy Bay und überragt hybrid die Stadt. Wenn Honduras doch nur seine Denkmäler ernst nehmen würde.

 
 
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