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Morgen ist auch noch ein Tag -
Honduras träumt vom touristischen Aufschwung. Bis es so weit ist,
spannt das Land noch einmal richtig aus -von Merten Worthmann,
publiziert am 24. April 2003 in Die Zeit
Jetzt noch schnell in
die Fluten stürzen? Bevor die Sonne ganz weggedämmert ist? Gerade
leuchtet sie noch mit letzter Kraft als blassroter Fleck vom Horizont
herüber. Erst spät am Tag haben wir den Strand von Tela und damit die
karibische Küste von Honduras erreicht. Außer uns ist kaum jemand zu
sehen. Im Sand ein einheimisches Pärchen, das sich bei zwei Bier
vertraulich unterhält. In Rufweite Kinder, die Netze zusammenlegen,
damit ihr Vater sie in der Frühe unverknäult zur Hand hat, wenn er mit
seinem schmalen, verblichenen Ruderboot Galaxy 1 wieder raus auf
Fischfang muss. Eine Brise Besinnlichkeit ginge wohl über die gesamte
Szenerie hinweg, wenn nicht in unserem Rücken die Strandbars mit Böen
voll frischen Latin-Pops dagegenhielten.
Also ziehen wir uns
zurück, und zwar dorthin, wo die Fischerboote auf den Sand gezogen
sind, wo es keinen Ausschank, sondern nur ein paar ärmliche Holz- und
Wellblechhütten gibt, in denen die Fischerfamilien nun das Abendessen
vorbereiten. Erstaunlich, diese Baracken mitten auf Telas karibischem
Filetstück – wo doch der Strand im Grunde zum Stadtzentrum gehört.
Wenige Meter von den Hütten entfernt kreuzt die 8. Avenue die 11.
Straße. Direkt davor geht dann der Asphalt im Sand unter. »Die Bars
rücken immer näher, die Hotels werden immer mehr. Für uns bleibt kein
Platz mehr«, sagt Jesús Jiménez, der mit seiner Familie in einer der
Hütten lebt. Da der Grund unter seinem Heim nicht ihm, sondern der
Stadt gehört, kann die Mikro-Favela um ihn herum der nächsten
Verschönerungskampagne zum Opfer fallen. Dann dehnte sich die »Zone des
Lasters«, wie Jiménez den mit Bars besiedelten Strandstreifen halb
despektierlich, halb romantisierend nennt, noch einmal weiter aus.
Tela
wirkt freilich nicht, als stünde ein beherzter Sprung auf die nächste
touristische Entwicklungsstufe unmittelbar bevor. Eher sieht es so aus,
als habe man sich nach dem letzten Schritt erst einmal ausgeruht und
sei dabei irgendwann in eine Art Dornröschendämmer geraten. Im Grunde
gilt das fürs gesamte Land. Honduras träumt vom großen touristischen
Auftrieb. Vorerst findet er nicht statt, und mittlerweile kann daran
kaum mehr der verheerende Wirbelsturm Mitch schuld sein, der im Oktober
1998 in Honduras wütete. Neidvoll blicken die Touristiker auf nahe
gelegene Staaten wie Guatemala oder Costa Rica, die ihre eigene Scheibe
von Mittelamerika gewinnbringender vermarkten. Honduras will
aufschließen, und mit einigem Recht. Es hat tropische Strände,
Maya-Ruinen mit Unesco-Gütesiegel, Vogelarten en masse, Nebelwälder,
Mangrovensümpfe und Korallenriffs. Es fehlt an nichts. Höchstens am
Markenzeichen. Von allem etwas – das kann's ja nicht sein.
Bis
zur (sagen wir ruhig: unausbleiblichen) Entdeckung von Honduras mag der
Vorausreisende noch genießen, was den Fremdenverkehrsstrategen nicht
behagt: die Ruhe vor dem Ansturm. Dazu eignet sich Tela hervorragend.
Bis vor einigen Jahren war die Stadt noch ein Zentrum der heimischen
Bananenindustrie. Seit aber 1992 die Mole abbrannte, wird der Export
über andere Häfen abgewickelt. Und die Tela Railroad Company, die
früher den Bananentransport über Land betrieb, existiert nur mehr
schemenhaft. Das alte, neobarock verzierte Hauptquartier aus dem Jahr
1916 ist entkernt, eine Ruine, der große Saal übersät mit zersprungenen
Fliesen. Es verkehrt noch genau ein Zug, so gut wie museumsreif; er
bringt am Wochenende Pendler und Ausflügler zur nächsten
Provinzhauptstadt.
Tela hat eine Zukunft schon hinter sich. Die
nächste lässt auf sich warten. In der Zwischenzeit scheint die Stadt
auszuspannen. Auf dem Markt gibt es Händler, die ihren Fruchtstand von
der Hängematte aus betreiben, solange die Nachfrage es zulässt. Und
abends arbeiten Bedienungen aktiv mit an der gähnenden Leere im
Restaurant. Ihnen genügt schon ein kurzer Blick des Gastes in die
Karte, um direkt daneben löwengleich Luft zu holen. Manchmal fügt sich
die Langeweile Einzelner zu großartigen Stillleben des Durchhängens.
Die Köchin lehnt wie eine Statue der Ermattung in der Küchentür, die
Tresenkraft schlafft auf einem Stuhl neben den brummenden Kühlschränken
ab, der Wirt spielt an einem Apparat zur Geldschein-Durchleuchtung. Die
drei Männer an der Theke, ein schwarzer caribeño, ein Indio, ein
Mestize, starren stoisch in Richtung Fernseher. Bis es aus der
Lautsprecherbox schnulzt: Nada más difícil que vivir sin ti! – Nichts
ist so schwierig wie ein Leben ohne dich! Da singen sie plötzlich mit
und sehen schwer danach aus, als wüssten sie auch, wovon sie singen.
Derweil zieht die örtliche Mariachi-Combo Aguilas del Norte (Adler des
Nordens) arbeitslos um die Häuser. Die drei auf mexikanisch getrimmten
Herren mit schwarzen Ranchero-Anzügen und beeindruckenden
Vokuhila-Frisuren würden die Schnulzen gern live an den Tischen
spielen. Doch fehlt es an zahlungswilligen Zuhörern.
Honduras
ist ein armes Land, eines der ärmsten in Lateinamerika. Mehr als die
Hälfte der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. Viele hondureños
träumen, wie andere Latinos auch, von einem Leben in den USA. Besonders
die Garífuna wandern ab, die Schwarzen, die fast ausschließlich an der
karibischen Küste und auf den ihr vorgelagerten Inseln leben. Ihre
Vorfahren konnten sich im 17. Jahrhundert aus der Versklavung durch die
Briten befreien. In den Nachkommen hat etwas vom Stolz der früh
Befreiten überlebt und mischt sich nun mit dem Laisser-faire der von
früh bis spät Besonnten.
Größere Küstenstädte wie Tela teilen
die Garífuna mit hondureños anderer Abstammung. Aber es gibt auch Orte,
in denen sie weitgehend unter sich geblieben sind. Miami zum Beispiel –
ein schmaler Streifen Dorf zwischen der Laguna de los Micos und dem
Meer, mit Hütten aus Kokospalmen und Zuckerrohr, hingesetzt auf weißen
Sand. Der Anblick entspricht so sauber dem Klischee einer karibischen
Siedlung, dass man nur mit Mühe den Argwohn abschüttelt, es handele
sich hier um eine regionale Variante der Truman Show, um ein eigens für
Touristen belebtes Museumsdorf. Ein Reiseveranstalter aus Tela fährt
täglich ein paar Leute im Jeep über eine unwegsame Schotterpiste zur
abgelegenen Landzunge. Bis vor wenigen Jahren hat ein ausgedehnter
Palmenhain den Weg gesäumt. Jetzt schaukelt der Geländewagen durch eine
Art Stelenfriedhof. Die Stämme ragen noch auf, die Palmwedel aber sind
abgefallen, die Pflanzen tot. Eine Infektion aus dem Norden. Auch in
Miami selbst weht kaum mehr ein Blatt im Wind, den einzigen Schatten
spenden schilfbedeckte Sonnendächer, unter die sich die Einheimischen
zur Mittagszeit flüchten.
Warum das Dorf Miami heißt? Ein
Scherz, sagt Isidro Menéndez, ein Fischer in den Sechzigern, der damals
bei der Taufe dabei war. Vor 30 Jahren wurde die Siedlung offiziell
anerkannt und brauchte einen Namen. Jemand habe einen Vergleich mit
Miami Beach gewagt, der Lage wegen. Großes Gelächter seinerzeit!
Jedenfalls zunächst. Aber schließlich – Da ist sie wieder, die
Sehnsucht nach dem guten Leben im reichen Norden. Auch aus Miami sind
schon einige gen Nordamerika aufgebrochen. Man erwartet von ihnen einen
Scheck hin und wieder, leistet sich aber ansonsten kritische Distanz
zum Patenland. »Das war keine Infektion«, sagt Menéndez zur
Palmenkrise. Er sieht nun etwas konspirativ unter seiner Baseballmütze
hervor, die den englischen Slogan trägt: Fish fear me, women love me.
»Dieselben Länder, die uns jetzt minderwertige Palmen als Ersatz
spenden, haben uns vorher die alten vergiftet. Die konnten's nicht
ertragen, dass wir die besten Kokospalmen der Welt hatten.« So trifft
man im vermeintlich traditionellsten Karibikdorf auf durchaus
fortgeschrittene Verschwörungstheorien. Kein Wunder also, dass man auf
Simulationsfantasien à la Truman Show verfällt.
Da die Bewohner
aber nun einmal nicht von einer Realityshow-Firma finanziert werden,
müssen sie weiter vom Fischfang leben, so gut es eben geht. In Triunfo
de la Cruz, einem anderen Garífuna-Dorf der Gegend, geht es angeblich
nicht mehr so gut. Aber auf der Suche nach alternativen
Verdienstquellen lassen sich die caribeños Zeit. Denn solange
Familienmitglieder Dollar überweisen, geht von honduranischen
Niedriglöhnen kein großer Reiz aus.
Es gibt einen Radiosender. Nur, wo ist der DJ geblieben?
Triunfo de la Cruz ist deutlich größer als Miami, hier wird auch
schon mal mit Beton gebaut, und es gibt sogar einen
Garífuna-Radiosender. Den steuern wir an und stehen wenig später einem
stotternden CD-Spieler gegenüber, der nur noch einen einzigen Beat
durch den Äther jagt. Kein DJ in Sicht. Wir schieben selbst eine neue
Platte ein, die einzige nichtkopierte CD, die vorliegt. Mehr können wir
nicht tun. Zur nächsten vollen Stunde fragt jemand über den Sender
Faluma Bimetu FM das ganze Dorf nach dem Verbleib des DJ. Wir verlassen
das Sendegebiet.
Für die nächste, die stärkste Dosis
honduranischer Karibik besteigen wir eine kleine Propellermaschine und
setzen nach Roatan über, auf die größte von Honduras' drei
Karibikinseln. Hier wird traditionell Englisch gesprochen, der frühen
Besiedlung durch die Briten wegen. Die Orte heißen dementsprechend West
End, Oak Ridge oder Coxen Hole. Nur das Garífuna-Dorf trägt den
spanischen Namen Punta Gorda. Dort feiert man am Sonntagnachmittag ein
Dorffest. In einer Strandhütte aus Holzästen und Palmstroh wird
Fisch-Kokos-Stew gereicht, zu trinken gibt es Bier, geredet wird fast
ausschließlich Garífuna, die volkseigene Sprache. »Unsere Kinder
wachsen dreisprachig auf«, sagt Benito Gil, ein Krabbenfischer im
Rentenalter, der als »Baba« zugleich die spirituelle Autorität der
Gemeinde verkörpert. Seit kurzem gibt es Garífuna sogar als
Unterrichtsfach – weil sich in die Alltagssprache immer mehr
Hispanismen und Anglizismen einschleichen. Touristen finden nicht nach
Punta Gorda. Der einzige Fremde ist ein US-amerikanischer Student mit
Rastalocken, der sein Anthropologie-Diplom über das hiesige
Fischereiwesen schreibt. Der Krabbenfang ernährt die 2000 Einwohner des
Dorfes nicht mehr. Also sucht man Anschluss an die große andere
Industrie der Insel. »Wir haben schon ein Stück Strand sauber gemacht«,
sagt Benito Gil, »denn wir wollen, dass die Touristen zu uns kommen und
nicht wir zu ihnen müssen – nach Gringolandia.«
Auf der Kuppe so manchen Hügels steht ein monströses Ferienhaus
Gringolandia wird das westliche Ende der Insel genannt, zu Recht.
Hier, wo das türkisfarbene Wasser, der weiße Sand und die Schatten
spendende Palme in klassischer Dreieingkeit zusammenspielen, hat sich
das internationale touristische Dienstleistungswesen so flächendeckend
festgesetzt, dass von »Honduras« kaum noch etwas zu spüren ist. Auf
Roatan dürfen auch Ausländer Grund und Boden erwerben. Es wird also
eifrig gemakelt, vor allem durch US-Firmen, und auf der Kuppe so
manchen grünen Hügels steht mittlerweile ein monströses Ferienhaus.
In
West End, an einem ruhigeren Abschnitt der betriebsamen Promenade, hat
Katherine Miller ihr bescheidenes Holzhaus mit einem »For Sale«-Schild
versehen. Die knapp 80-jährige Mulattin sitzt im orangefarbenen
Abendlicht auf ihrer Veranda, mit einer Nachbarin bei Kaffee und
Kokoskuchen, und wirft zerstreute Blicke auf die jungen Urlauber, die
der Sandstraße folgen bis zum Luna Beach Resort, der momentan
beliebtesten Disco am Strand. Katherine Miller hätte gern 40000 Dollar
für das Haus, in dem sie aufgewachsen ist und in dem später ihre Eltern
starben. Und dann, wohin? Nach Phoenix, Arizona, der jüngsten Tochter
unter die Arme greifen, die in den USA zu scheitern droht. Miller ist
selbst 1963 in die Staaten gezogen, als Hausmädchen, und hat damals
ihre fünf Kinder (die Jüngste war ein Jahr alt) eine Zeit lang in
Honduras zurücklassen müssen.
Während sich die Nacht auf Roatan
senkt, breitet die alte Frau mit dem grauen Kraushaar eine
abenteuerliche Familiengeschichte zwischen West End und Weststaaten
aus, voller Entbehrung und Aufbauwillen. Miller hat jedem ihrer acht
Geschwister über die Jahre ein kleines Grundstück in der Straße
gegenüber gekauft. »Jetzt habe ich nur noch dieses Haus. Aber ich will
weiter Gutes tun. Hat nicht auch der Herr mit nur zwei Fischen und fünf
Broten eine Menge Menschen genährt?« Ja. Für einen Augenblick glauben
wir es wieder. Heute Nacht kann eine einfache hondureña ihr Haus
verkaufen, Zehntausende Dollar verdienen und damit die Ihren glücklich
machen. Morgen ist wieder ein neuer Tag in Gringolandia.
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