| |
Dicke Luft im ParadiesHonduras:
Tauchparadies in der Karibik - noch gehört Utila den Rucksacktouristen
von Franz Lerchenmüller, publiziert im Rheinischen Merkur Ende August
2000
Die Einwohner der "Robinson-Crusoe-Insel" im chilenischen
Juan Fernandez Archipel müssen jetzt ganz stark sein: Der legendärste
aller Schiffbrüchigen ist nicht, wie immer behauptet, an ihren Klippen
gestrandet. Sondern über 4000 Kilometer weiter nördlich, in der
Karibik, 30 Kilometer vor der Küste von Honduras: Auf Utila.
Davon
ist zumindest Shelby McNab überzeugt - und zwar felsenfest: "Da, wo
sich jetzt die Flughafenpiste erstreckt, hielten die Kannibalen ihr
Mahl ab. Freitag riss sich los und rannte durch die Lagune, über die
jetzt die Brücke in die Stadt führt. Robinson, der sich auf Pumpkin
Hill verschanzt hatte, konnte von dort oben das Geschehen hervorragend
überblicken...."
Der Mann um die fünfzig, der mit seinen Shorts
und dem Oberlippenbart an einen ergrauten englischen Pfadfinderführer
erinnert, hat keine Zweifel. Schon seit Generationen werde die
Geschichte eines Schiffbrüchigen auf der Insel weitererzählt. Als er
selbst später zum erstenmal Daniel Defoes Buch in die Hände bekommen
habe, sei es ihm wie Schuppen von den Augen gefallen. Seitdem
organisiert er Rundtouren für Touristen auf den Spuren des einzig
wahren Robinson.
Nun gut. Vielleicht muss die Welt in Sachen
"Robinson" tatsächlich umdenken. Zumindest aber fügt die abenteuerliche
Theorie McNabs dem bunten Bild von Utila einen weiteren Farbtupfer
hinzu.
Utila, in seinen Extremen zwölf Kilometer lang, vier
Kilometer breit, ist die kleinste der drei "Islas de Bahia", ein
flaches, von Magrovensümpfen bedecktes Eiland mit wenigen sandigen
Stränden. Berühmt sind Utila, Roatán und Guanaja für ihre Tauchgründe,
die neben den Dschungeln des Festlands und den Maya-Ruinen von Copán
die dritte touristische Top-Attraktion von Honduras darstellen.
Schon
beim Schnorcheln an der Abbruchkante des Riffs, gerade mal fünfzig
Meter weit draußen im Meer, erschließt sich die Zauberwelt der
Korallen: Zart wiegen sich lila Fächer, erstreckt sich poröses rotes
Geäst. Wie ein silberner Torpedo in Zeitlupe zieht ein Barrakuda
aufmerksam seine Runden. Schwärme neonblauer Fische schweben und sinken
und huschen beiseite wie auf ein geheimes zentrales Kommando. "Wir
haben Wracks, wir haben Wände, die hundert Meter steil abfallen, wir
haben jede Menge Unterwasserhöhlen", sagt Michael Wildenstein aus
Ravensburg, der seit sieben Jahren Tauchschüler das Schweben in der
Tiefe lehrt. "Mit einem Wort: Wir haben das komplette Programm."
Versteht sich, dass dies auch Muränen umfasst, Karettschildkröten,
Adlerrochen, Schwertfische und Walhaie.
Wirbelsturm "Mitch", der
im November 1998 in Honduras schlimme Verwüstungen anrichtete, spielte
übrigens auch den Riffs im flachen Wasser übel mit. Die 12, 14 Meter
hohen Wellen zerschlugen ganz Korallenfelder zu weißem toten Schutt. Im
tiefen Bereich aber fegten die bewegten Wasser die Ablagerungen von
Jahrzehnten fort und schmirgelten die Korallen wieder blank. Frisches
Leben ist eingekehrt, der Fischreichtum hat seitdem enorm zugenommen.
Das
Städtchen Utila, die wichtigste Ansiedlung, schmiegt sich
hufeisenförmig um eine Bucht. Es zählt etwa 3000 Einwohner und hat sich
seinen karibischen Kleinstadtcharme bewahrt. Als Flugpiste dient ein
kiesiger Streifen Land. An der schmalen Straße reihen sich alte und
jüngere Holzhäuser mit Veranden und Gärten aneinander: Hotel - Cafe -
Divingshop heißt in etwa die Reihenfolge, im Zentrum bilden die
Werbeschilder der Tauchschulen einen bunten Dschungel: Fast ganz Utila
lebt vom Tourismus. Im Buchcafe tauscht ein semmelblonder
Braungebrannter "Mörder ohne Gesicht" gegen "Die weiße Löwin", im "Reef
Cinema" läuft "Sex Monsters", und vor dem Internet-Cafe fluchen zwei
Australier, weil es immer noch renoviert wird. Es riecht nach
gebratenem Fisch, junge Frauen mit nassen Haaren schleppen lachend
Taucheranzüge in ihr Hotel und auf einer Bank im Schatten sitzen
aufgereiht verschlossen blickende Jugendliche mit bronzener Haut und
abgerissenen Klamotten.
Vor zwanzig Jahren sah das alles noch
etwas anders aus. Da lebten die Menschen auf Utila vom Fischfang,
verdingten sich auf Öltankern oder arbeiteten im Ausland. Als Gäste
kamen ganz selten ein paar Kumpel, die die Seeleute auf den Schiffen
kennengelernt hatten. Zu Beginn der 90er Jahre änderte sich das.
Europas junge Globetrotter, immer auf der Suche nach verschwiegenen
Flecken zum Relaxen, entdeckten Utila für sich. Es war ein
Backpackerparadies: Wasser und Sonne satt, billig, friedlich, abgelegen
- und an die etwas lockereren Sitten würde sich die überwiegend streng
methodistische Inselgemeinschaft schon noch gewöhnen. So wie sie selbst
mit den Sandfliegen fertigwerden mussten, deren Stiche die Haut zum
Kochen bringen, wenn der Nordostwind sie nicht mehr in Schach hält.
Für
die Utilenos war das etwas Neues: Geld zu verdienen, während man
zuhause blieb. Wer konnte, räumte eine Kammer leer, stellte ein paar
Tische auf oder machte ein Boot klar. Die Tauchschulen dagegen wurden
überwiegend von Ausländern gegründet. Zehn davon gibt es mittlerweile.
Morgens
um sieben geht es noch ruhig zu in Utila. In "Fourwheelers", kleinen
Flitzern mit großen Reifen, bringen Mütter ihren Nachwuchs zum
Kindergarten, schwarze Frauen waschen Häuserstufen und weißhaarige
Männer mit wetter- wie alkoholzerfurchten Gesichtern köpfen schon mal
ihr erstes Bier.
Die Insel hat viele Völker kommen und gehen
sehen: Indianische Ureinwohner, spanische Konquistadoren, holländische
Piraten. Schwarze Sklaven, die Garifunas, flüchteten sich im 18.
Jahrhundert hierher, im 19. landete ein Schwung britischer Siedler von
den Cayman-Inseln.
Es sind aufgeschlossene Zeitgenossen, kein
Problem, jemanden für ein kleines Schwätzchen zu finden. Schon
schwieriger ist es, das kehlige Englisch zu verstehen, das an einen
afrikanischen Dialekt erinnert. An Themen dagegen herrscht kein Mangel.
Denn im karibischen Paradies herrscht dicke Luft.
Zum einen sind
da neben den willkommenen die ungeliebten Gäste: "Mainlanders", Leute
vom Festland. Je mehr Touristen die Inseln besuchten, desto
phantastischere Berichte über sagenhafte Verdienstmöglichkeiten
kreisten im armen Honduras. Viele kamen, um ihr Glück zu machen,
Hunderte sind geblieben. Sie leben abseits der touristischen Meile in
zwei Slums, "Sumpfdorf" heißt eines nicht ganz unzutreffend.
Arbeit
gibt es nur wenig. Und also kamen mit ihnen Probleme, die Utila bis
dahin nicht gekannt hatte: Diebstähle, Raub, sogar Mord. Das bringt die
Inselbewohner auf die Palme: 1861 waren die Bahia-Inseln von den Briten
an Honduras übergeben worden - fast scheint es in manchen Gesprächen,
als brächen sich jetzt uralte Vorurteile gegen die fremden Landsleute
wieder Bahn.
Noch ganz andere, unerwartete Schwierigkeiten tun
sich auf. Shelby McNab ist zugleich Vorsitzender der Bay Islands
Conservation Association (BICA). Neben dem Erhalt der Riffe kümmert
sich die Naturschutzorganisation vor allem um den Schutz des
Schwarzleguans und arbeitet dazu mit einem Projekt der Zoologischen
Gesellschaft Frankfurt zusammen, in dem Jungtiere aufgezogen und
ausgesetzt werden. "Wir hatten unsere eigenen Leute schon so weit, dass
sie nur noch die nicht gefährdeten grünen Leguane jagten", sagt McNab.
"Und immer nur den einen, den sie für eine Mahlzeit brauchten. Die
Mainlander dagegen jagen alles, Leguane wie Schildkröten, und so viele
davon, wie sie kriegen können."
Was tun? "Erziehung", meint
McNab. "Integration. In diesem Jahr kriegen wir erstmals 98 % der
Mainlander-Kinder in die Schule". Er selbst veranstaltet
Fußballturniere mit Jugendlichen, auch denen aus den Slums. Der
Bürgermeister erlässt scharfe Gesetze zur Aufrechterhaltung von Ruhe
und Ordnung.
Weit mehr als die Ausrottung der Leguane befürchten
die Inselbewohner jedoch, dass ihre ungeliebten Mitbewohner die
Touristen vergraulen könnten - und zwar die von morgen.
Denn mit
dem finanziellen Erfolg sind ihre Bedürfnisse gewachsen. Noch gibt es
kein Abwassersystem auf der Insel. Der Müll wird offen verbrannt. Strom
erzeugt ein Generator - von fünf Uhr morgens bis Mitternacht.
Fortschritt aber kostet Geld, mehr Geld als die
25-Dollar-am-Tag-Touristen bringen. Die 200-Dollar-Leute sollen jetzt
kommen, Kreuzfahrer in Massen, die einmal über die Insel bummeln und
die Souvenirläden leerkaufen. Noch lieber aber wären ihnen die
vielumworbenen 500-Dollar-Leute: die sagenumwobenen Bewohner der
Luxushotels. "Unsere jungen Leute brauchen Karrieremöglichkeiten", sagt
der geschmeidige junge Angestellte im Maklerbüro. "Kellner oder
Verkäufer im Tauchshop zu werden, ist schließlich keine Perspektive."
Und fährt fort, von den neuerdings so glänzenden Geschäften der Firma
zu schwärmen.
In der Tat: Vom Boot aus betrachtet, ist nicht zu
übersehen, dass der Ausverkauf der Insel schon begonnen hat. An
abgelegenen Strandstücken mit weißem Sand entstehen unter Palmen feine
Ressorts aus rotem Holz und viel Glas, Luxusenklaven für Betuchte, mit
eigenem Bootssteg und dem Riff vor der Haustür.
Und dann ist da
noch der neue Flughafen: Wer auf den holprigen Pfaden ins Innere der
Insel wandert, stößt plötzlich auf eine etwa 200 Meter breite,
vielleicht 1500 Meter lange kahle Schneise - ganz so, als hätte jemand
mal schnell einen riesigen Rasenmäher ausprobiert. Als nach "Mitch" die
internationale Hilfe für Honduras anlief, gab auch Schweden Geld,
angeblich für den Ausbau des Flugverkehrs auf Utila. Und also begann im
Januar dieses Jahres ein Trupp Bulldozer, per Schiff vom Festland
herübergebracht, mit den Rodungsarbeiten - gegen den erklärten Willen
mehrerer Landbesitzer. Inwieweit der Bürgermeister in die Affäre
verwickelt ist, bleibt offen. Ebenso, wer denn nun - ganz oben in der
honduranischen Regierung - den goldenen Schnitt gemacht hat. Zusätzlich
wurde eine Trasse zur Stadt gelegt, die eine vierspurige Straße
aufnehmen kann - sicher nicht für die wenigen Pick-Ups der
Inselbewohner. Mit einem Wort: Die stille Enteignung der Leute von
Utila hat begonnen.
Eine Hoffnung bleibt ihnen freilich: Es
könnten, wie schon so oft, am Ende doch die Mittel fehlen, das Werk der
Gigantomanie zu vollenden.
Bradford Duncan, eine der
schillerndsten Gestalten Utilas, steht als leuchtendes Beispiel dafür.
Anfang der 90er Jahre ernannte er sich, nur halb im Spaß, zum
Gouverneur, und begann, mit sieben Millionen eigenen und geliehenen
Dollar, einen standesgemäßen Palast zu bauen: ein Luxushotel vom
Feinsten. Er ging bankrott. "Duncans Folly", ein eleganter Turm aus
Teak aber thront noch immer zugenagelt auf seinem Hügel über Sandy Bay
und überragt hybrid die Stadt. Wenn Honduras doch nur seine Denkmäler
ernst nehmen würde.
|
|